Beil und Drohne: Ein Kommentar über “gezielte Tötung” im Anti-Terrorkrieg

Das Beil fällt. Der Henker trennt den Kopf vom Rumpf des Mannes. Der US-Amerikaner James Foley wurde gezielt getötet. Seine Unschuld sollte allerdings nicht weniger bedeutsam sein als die Hunderter “gezielt getöteter” Zivilistinnen und Zivilisten.

Der Täter: ein mutmaßlich britischer Staatsbürger, vermummt, Muslim. Das Opfer: ein Fotograf aus dem US-Bundesstaat New Hampshire, 2012 von Kopfgeldjägern in Syrien entführt und an eine islamistische Organisation verkauft. Die Ironie an der Tragödie: der britische Henker und der Geköpfte aus den USA könnten in Syrien sehr wahrscheinlich auf derselben Seite gegen Baschar al-Assad gekämpft haben.  Der eine an der militärischen, der andere an der medialen Front.

Das Londoner “Büro für investigativen Journalismus” zählt – so gut es unter Bedingungen der Geheimhaltung geht – seit 2002 die Opfer US-amerikanischer, israelischer und britischer Drohnenangriffe. Die USA sind demnach bis Mitte 2014 für 3057 bis 5349 “Tötungen” verantwortlich. Ihr Beil ist der Joy Stick, die Opfer muslimische Extremisten, Nachbarn oder Verwandte derselben, zufällige Passanten oder schlicht durch Fehleingaben im Rechner zu Tode Gekommene. Einen Monat bevor James Foley enthauptet wurde, starben am 16. Juli im pakistanischen Nord-Waziristan 20 Menschen bei einem Drohnenangriff. Am Tag nach der Schreckenstat im “Islamischen Staat” brüstete sich der israelische Armeesprecher mit der Ermordung von drei Hamas-Aktivisten.

Weder James Foley, noch die 20 Pakistani, noch die drei Hamas-Leute oder irgendjemand von den 3000 bis 5000 bei US-Drohnenangriffen ums Leben Gekommenen standen vor einem Gericht, konnten sich verteidigen, ergeben oder schuldig erklären. Sie wurden alle ohne Anklage, ohne Schuldspruch exekutiert. Die Exekution des amerikanischen Fotografen ist dabei von Medien und Politik als brutal, bestialisch, menschenverachtend dargestellt worden. Der provokant gewählte Terminus einer “gezielten Tötung” verbietet sich in solch einer Darstellung. Seine Unschuld sollte allerdings nicht weniger bedeutsam sein als die Hunderter “gezielt getöteter” Zivilistinnen und Zivilisten (oder auch Kämpfer), die ohne Richterspruch dem Drohnen-Schlachten hilflos ausgeliefert sind.

Die Herstellung eines Zusammenhangs von Beil und Drohne wird man in der außerislamischen Medienwelt selten finden. Sie wäre jedoch hilfreich, um einen der vielen Aspekte verstehen zu können, warum deutsche, französische, österreichische und viele andere Muslime aus EU-Europa sich in erschreckend großer Zahl dem “Islamischen Staat” anschließen.

Eine gekürzte Fassung dieses Artikels ist bereits am 22. August 2014 hier in Neues Deutschland erschienen.

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